Medien im Bildungseinsatz

Wie fängt man an?

Wie macht man sich auf den Weg, um medienpädagogisch aktiv(er) zu werden, Medien zu thematisieren und sie als Werkzeug in pädagogischen Prozessen einzusetzen?
Pädagogische Institutionen in Hessen können medienpädagogische Beratungs- und Fortbildungsangebote nutzen, die von der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) finanziert werden.

Ene Mene Medien – 3 Bausteine für die Medienarbeit in Kitas ist z.B. ein solches Angebot. Das Projekt berücksichtigt die Bedürfnisse und das Entwicklungsniveau von Kindern im Vorschulalter. Mithilfe von drei aufeinander aufbauenden Modulen werden die medienpädagogischen und technischen Fähigkeiten der Erzieher/-innen geschult, die Medienkompetenz der Kinder intensiv gefördert sowie die Eltern bei ihrer alltäglichen Aufgabe der Medienerziehung beraten.

“Wir trauen uns das jetzt zu…”

Die integrative Kita “Weißer Stein” in Stadtallendorf hat im Februar/März 2015 am Projekt „Ene, mene Medien“ teilgenommen. Anja Loch, Manuela Widlinksi, Seyhan Güç berichten im Gespräch mit Jochen Wilke vom Blickwechsel e.V. von ihren Erfahrungen.

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Jochen Wilke: Sie haben mit dem Verein Blickwechsel e.V. das Projekt „Ene Mene Medien“ durchgeführt. Erster Baustein war die Teamfortbildung. Was nehmen Sie aus dieser Fortbildung mit?

Anja: Ich glaube, die Fortbildung ist wichtig um erst einmal die Angst vor der modernen Technik zu verlieren und sagen zu können: „Jawohl, wir trauen uns das zu, das im Kindergarten konkret als Projekt anzubieten.“ Ohne Fortbildung fühlt man sich doch sehr unsicher, und dann ist so ein Projekt im Kindergarten ein riesen Berg.

Seyhan: Wir haben ja auch vorher schon viel fotografiert und die Kameras im Kindergarten eingeführt. Ich habe auf der Fortbildung aber erfahren, was man damit alles machen kann, z.B. mit dem Movie Maker. Und davon konnten wir direkt einiges mit den Kindern anwenden.

Jochen: Haben bei Ihnen die Kinder vorher auch schon mit der Kamera hantiert, oder wurden diese eher von den Erzieherinnen benutzt?

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Seyhan: Die Kinder waren bisher eher Akteure vor der Kamera und nicht Kameraleute.

Anja: Die Fotoapparate nutzen wir vor allem in der Portfolioarbeit. Dort merken wir, dass die Kinder von ihren Fotos in den Mappen unheimlich fasziniert sind. Die Kinder lieben ihre Fotos. Deshalb war eigentlich klar, dass alles, was mit Fotografieren zu tun hat, die Kinder begeistern wird.

Jochen: An den vier Projekttagen im Kindergarten haben Sie nun vielfältige Projekte mit Audio, Foto und Video durchgeführt. Wie haben Sie die Kinder beim Medienprojekt erlebt?

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Seyhan: Die Kinder waren sehr interessiert. Selbst die, bei denen wir uns unsicher waren, ob sie konzentriert mitarbeiten würden. Bei den Tablets haben die Kinder schnell begriffen, dass man tolle, kreative Sachen damit machen kann, viel mehr als das, was sie schon kennen, nämlich Videos schauen und spielen. Da waren sie nicht enttäuscht, dass sie z.B. nicht spielen konnten. Wir hatten ihnen einige Videos mit Zaubertricks gezeigt, die bei der Fortbildung entstanden waren, und die Kinder wollten gleich wissen, wie das gemacht wurde und dies selbst ausprobieren.

Anja: Am Anfang waren die Kinder noch etwas unsicher, weil sie nicht wussten, was auf sie zukommt. Von Tag zu Tag wurden sie sicherer und aktiver, weil sie merkten, dass sie ihre eigenen Ideen einbringen und aktiv mitarbeiten konnten. Fasziniert hat sie, den ganzen Prozess von der Herstellung bis zu Aufführung mitzuerleben und dabei auch die Hauptrolle zu spielen. Sie waren mit Feuereifer dabei, und für sie könnte das Projekt noch ein, zwei Wochen weiter gehen.

Manuela: Es gab aber auch Kinder, denen hat die eine Woche gereicht. Diese Kinder hätten dann mehr Anregungen gebraucht, denn von ihnen kamen keine eigenen Ideen. (Anm.: In dieser Gruppe war ein sehr hoher Anteil von behinderten Kindern und solchen mit hohem Förderbedarf.) Was wir mit den Kindern geplant hatten, lief gut. Aber dann wollten sie auch schon wieder anderes machen.

Seyhan: Wir haben auch viele Kinder, die sprachlich nicht so fit sind. Aber auch diese waren stolz und haben sich sehr gefreut, sich anschließend auf der Leinwand zu sehen. (Anm.: Gemeint ist hier v.a. ein Kind mit Downsyndrom.)

Manuela: Gut war, dass wir zu Beginn jedes Tages die Ergebnisse des Vortages gemeinsam angeschaut haben.

Jochen: In Ihrer Einrichtung werden beispielsweise Digitalkameras in der Arbeit schon häufig genutzt. Während der Projektwoche wurde ja nun auch mit Tablets und verschiedenen Apps gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesen Geräten gemacht?

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Anja: Heute Morgen habe ich mit dem Book Creator gearbeitet. Diese App kannte ich schon aus der Fortbildung und konnte deshalb gut einschätzen, welche Funktionen und Möglichkeiten es gibt. Für mich war es dann sehr einfach, dieses Programm einzusetzen. Die Kinder hatten unheimlich Spaß daran, mit dem Tablet zu fotografieren und Ton aufzunehmen und dies in das Buch einzubinden. Nach einer kurzen Anleitung konnten die Kinder die Funktionen selbstständig ausführen. Dabei haben sie schnell verstanden, was mit der App möglich ist, und haben sich gegenseitig beraten, welche Inhalte sie hinzufügen können. Ich denke, dass Tablet und diese App sich in der Praxis gut einsetzen lassen.

Seyhan: Mit dem Tablet lässt sich leichter arbeiten. Fotos und Videos müssen z.B. nicht erst auf den PC kopiert werden, um sie anzuschauen und weiterzuverarbeiten. Man spart dadurch viel Zeit. Nach dem Arbeiten mit dem Tablet war es bei der Fortbildung frustrierend, wieder zum Laptop und dem Videoschnittprogramm zurückzukehren. Am Tablet ist es aber nicht nur zeitsparender, sondern auch einfacher.

Anja: Und für die Kinder ist es auch schöner, denn eine Kleingruppe kann anders als mit dem Fotoapparat das Ergebnis auf dem größeren Bildschirm sofort anschauen.

Manuela: Ich habe vorher noch nie mit Tablets gearbeitet, fand aber die App Lego Movie Maker total toll. Dieses Programm ist mir jetzt so präsent, dass ich mir vorstellen könnte, ständig damit zu arbeiten.

Jochen: Hätten Sie denn schon Einsatzideen, wenn Sie ein solches Tablet im Alltag zur Verfügung hätten?

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Anja: Alleine die Möglichkeit von Sprachaufnahmen wäre für Sprachfördergruppen eine unheimliche Motivation. Für die Kinder war es toll, sich aufzunehmen und immer wieder anzuhören. Selbst die Kinder, die nicht so gerne reden, sind motiviert, mitzumachen.

Seyhan: Die Fähigkeiten der Tablets bieten viele Sprachanlässe, die man in der Sprachförderung nutzen könnte, z.B. das Erstellen von Interviews. Auch in der Forschergruppe könnte man ein solches Gerät gut einsetzen.

Jochen: Haben Sie da eine konkrete Vorstellung?

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Anja: Beispielsweise könnte man die Experimente dokumentieren, einzelne Details besser in Szene setzen und mithilfe der Aufnahmen die Inhalte mit den Kindern nachbearbeiten.

Manuela: Im Montagskreis wäre es denkbar, die Erlebnisse des Wochenendes als Interview zu gestalten und aufzunehmen und anschauen zu können. Auch in altersgemischten Gruppen mit Dreijährigen fände ich das sehr interessant.

Anja: Ein schönes Beispiel für die Möglichkeiten im Alltag ist auch der Bild-Ton-Film, den wir mit der App Storyrobe erstellt haben. Darin wurde das der Gruppe bekannte Lied „Stupps, der kleine Osterhase“ mit Fotos dargestellt und anschließend die Strophen und der Refrain dazu aufgenommen.

Jochen: Das heißt, die Tablets bieten auch die Möglichkeit, Themen und Inhalte, die bereits vorhanden sind, aufzugreifen und weiterzubearbeiten und neu zu produzieren?

Anja: Ich glaube, da gibt es viele, viele Möglichkeiten. Je sicherer wir im Umgang werden, umso leichter wird es werden, dieses Werkzeug alltäglich, auch spontan und situationsorientiert zu verwenden.

Jochen: Vielen Dank für das Gespräch!